Auli, vierter Sonntag im Advent, den 20. Dezember

Die neuen Inselnachrichten No. 3

Ein Jahr ist rum. Ganz plötzlich sind schon 12 Monate seit dem letzten Rundbrief vergangen. Das war so nun wirklich nicht geplant. Doch es sind noch ein paar Tage bis Weihnachten und so schaffen wir es vielleicht doch noch mit einem Weihnachtsbrief. Dass ihr so lange nichts von uns gehört habt liegt definitiv nicht daran, dass bei uns nichts passiert ist, sondern eher daran dass so viel los ist dass wir zu Zeiten kaum zu Hause sind und erst recht keine Zeit zum Schreiben gefunden haben. 

 

Doch so können wir euch diesmal sogar ECHTE „Inselnachrichten“ bescheren, denn wir waren kürzlich in Norwegen unterwegs, auf „unseren Inseln“ und haben dort Freunde besucht. Die Kinder konnten auch ihre Freunde von früher wiedersehen und haben sich sehr auf dieses Wochenende gefreut. Dafür dass wir nur ein Wochenende hatten, haben wir jede Menge erleben können. Am Samstag hatten wir großes Glück mit dem „Vestlands“-wetter, denn es war Sonne und wir konnten raus in die schöne Natur. Wir sind an der Küste und dem Strand entlang und auf den höchsten Berg. Die Aussicht war wiedermal phantastisch. Am Sonntag war typisches Küstenwetter: Nebel, Regen, grau und windig. Aber das machte nichts, denn am Nachmittag hatte die dortige Kindertheatergruppe eine Vorstellung mit Avdentsfest. Viele Freunde unserer Kinder spielen dort mit. Bei einem typischen Adventsfest wie diesem dürfen ein üppiges Kuchenbuffet und der traditionelle Gang um den Weihnachtsbaum nicht fehlen. Dabei werden Weihnachtslieder gesungen, zu manchen gehören auch Bewegungen oder Schritte, die jeder kann. Wer das gerne mal in Bewegung sehen will: Siehe im Facebook-fenster auf www.hoffmannfamilie.net. Am Montag waren die Kinder noch mit in der alten Schule. Da wir mit dem Flugzeug reisten, war das gut möglich und wir mussten nicht noch 8 Stunden quer durch Norwegen reisen.

Gleich am Tag nach der Heimreise spielten die Kinder beim Adventskonzert des Schulorchesters mit- auch viele traditionelle Lieder, aber auch die Melodien von „3 Haselnüsse für Aschenputtel“, ABBA, Jingle bell Rock und Santa Lucia. Ein Highlight war auch ein Medley der Melodien von Trickfilmen wie Mickey Maus , Tom& Jerry …  Diese werden hier immer am 24.12. vormittags im Fernsehen gesendet. Da hatten die Schlagzeuger gut zu tun, denn in diesen Trickfilmen gibt ja jede Menge Pfiffe, Glocken und Gebimmel. Für speziell Interessierte legen wir auch davon ein Video auf die Homepage. Das Konzert war sehr stimmungsvoll und da auch die musikalische Qualität mittlerweile recht hoch ist, war es wirklich ein Genuss. Bei „3 Haselnüsse für Aschenputtel“ hatten wohl viele eine kleine Träne im Knopfloch. Mit diesem Stück hat das Orchester übrigens auch einen 3. Preis gewonnen- beim „Unterhaltungswettkampf“ der Schulorchester in Oslo und Akershus im November. Ob es an der Musik lag oder daran, dass der Dirigent als böse Stiefmutter verkleidet auf die Bühne kam oder Micha mit dem Orchester einen kleinen Film zu Les Miserables gedreht hatte, ist schwer zu sagen. Den Film kann man übrigens auf der Homepage besichtigen und Marianne spielt dort nur eine Trompetenspielerin und überlässt dieses Instrument sonst doch lieber ihrem Bruder. 

Nachdem Micha schon wieder Teilzeitstudent ist, hat Jana mit einem Weiterbildungsprogramm begonnen „Fagstige“- heißt so viel wie Fachleiter und streckt sich in Teilzeit über 4 Jahre. Das Ziel ist eine Spezialisierung innerhalb der Krankenpflege. Da gibt es viele mögliche Richtungen, aber bei sie wird sich im Bereich Wundbehandlung spezialisieren. In Europadeutsch heißt das dann wohl: „Klinischer Spezialist der Krankenpflege mit Spezialisierung in Wundpflege“

In unserer Küche steht ein kleines goldenes Buch und dort trägt Jana fleißig immer neue Kindersprüche ein und liest sie dann gelegentlich vor. Einer der letzten passt besonders gut zur Fachkrankenschwester und Gewerkschaftsaktivistin: Wir saßen um den Küchentisch herum und kamen mit den Kindern ins diskutieren. Die sind schon groß und manchmal geht’s um große Themen. Wir diskutierten also das internationale Finanz- und Wirtschaftssystem, wie das Geld verteilt wird, Angebot und Nachfrage und wie Fischer und Bauern pro Kilo Fisch oder Liter Milch bezahlt werden. Wie man als Arbeitnehmer seinen Lohn berechnet bekommt. Und dass man durch Lohnverhandlungen einen besseren Lohn erwirken kann und welche Argumente man anbringen kann. Plötzlich fragt Marianne in die Stille hinein: „ Ja, und Mama?! Und wieviel kriegst du für einen Patienten?“  Tja…!

Das war ein guter Ausgangspunkt für die Berechnung von Pauls Taschengeld und den Verhandlungen darüber. Da die Mama ja Gewerkschaftler in der Norwegischen Krankenpflegergewerkschaft ist, muss so eine Lohnverhandlung ja ordentlich ablaufen. Paul sollte dieses Jahr einen größeren monatlichen Betrag erhalten, den er selbst einteilen muss. Früher bekam er wöchentliches Taschengeld und zusätzliche kleine Beträge für Eintrittsgelder und „feste Ausgaben“. Das Ende vom Lied war aber, dass unser Sohn all sein Taschengeld eisern gespart hat und es ihm das Herz zerriss, wenn er davon etwas verbrauchen sollte. Wir hatten also den besonderen Fall, dass wir unserm Sohn das GELDAUSGEBEN beibringen mussten. Daher sollte er ein Budget erstellen mit allen seine festen Ausgaben und seinen Wünschen. Jetzt wird es besonders lustig dadurch, dass ja Michael beruflich auf der Arbeitgeberseite sitzt: Also, Paul – gewerkschaftlich unterstützt von Jana auf der einen Seite und Micha auf der anderen Seite. Der eine will viel haben und der andere will wenig geben. Dann ging es in die Tarifverhandlungen. Ausgabeverpflichtungen, Aufgabenverteilungen, Handynutzung und Fernsehzeiten wurden diskutiert und ganz ohne Androhung von Streik wurde eine Einigung erzielt ;-) Der Jung will nächstes Jahr mehr haben. Da müssen wir erstmal sehen ob wir lokale Nachverhandlungen zulassen. 

Wir sind weiterhin aktiv wie immer. Dadurch dass Jana seit dem Beginn auf der neuen Arbeitsstelle einen kürzeren Arbeitsweg und weniger Überstunden hat ist der schlimmste Stress rausgenommen. Jana arbeitet jetzt nicht mehr in der Hauskrankenpflege in unserer Kommune, sondern in der Nachbarkommune in dem was einmal ein Pflegeheim war, inzwischen aber eher so etwas wie ein Lokalkrankenhaus ohne Notaufnahme ist. Die Entfernung ist die gleiche nur der Arbeitsschluss etwas sicherer. Momentan sieht es jedenfalls wieder so aus als ob das Experiment Eltern zu sein und gleichzeitig als Krankenschwester 100% bzw. nach Oslo zu pendeln doch wieder gelingen kann. Die Kinder haben ihre Freunde und Hobbys und sind mehr und mehr allein unterwegs in der Nachbarschaft. Und Micha? Der pendelt weiter seine 2 ½ Stunden täglich nach Oslo und wenn ihn dass zu langweilig wird, fährt er die halbe Stunde zum Osloer Flughafen und kümmert sich um Aufgaben in einer der 8 norwegischen Gehörlosengemeinden von Kristiansand bis Tromsø. 

Wie behält man den Überblick, ob alle da sind und von A nach B und wieder zurückkommen? Bei uns ist es manchmal wie auf dem Bahnhof. Oder wie auf dem Flughafen? Jedenfalls sieht es in der Stube öfters so aus. Und das kam so: Jeder der Kinder hat je einen Ranzen und Micha und Jana haben je einen Arbeitsrucksack. ABER: dazu kommen noch die Turnbeutel der zwei Großen. Macht schon 7 Gepäckstücke. Dann haben alle 3 Kinder ja je einen Rucksack für die Musikschule mit Noten und dazu jeweils einen Koffer variabler Größe für das Instrument… . Bei Marianne geht’s noch – Klarinette- bei Karli ist das eine Kiste von 1,2m mal 50 cm fürs Baryton. Macht schon 13 Gepäckstücke in unserer Stube. Die müssen ständig von A nach B befördert werden, deswegen macht es keinen Sinn sie weiter aufzuräumen. Dann hat der Mann etliche Reisetage pro Jahr. Das bedeutet: alle 2 Wochen werden Gang, Stube und Schlafzimmer mit Rollkoffern und Laptoptaschen überflutet. Geschätzte Anzahl pro Reise : 5. Macht zusammen potenzielle 18 Gepäckstücke. Mehrere Laptoptaschen deswegen, weil er in seinem Job noch nebenher den Computersupport für die Angestellten macht. Das heißt: die Laptops wohnen dann erstmal 2 Wochen auf unserem Stubentisch während sie „eingerichtet“ werden. Schon auf Haramsøy wurde Micha, die Gabe der Heilung durch Handauflegung nachgesagt, allerdings beschränkt auf technische Geräte wie eben Computer oder eben Handys. Nur nehmen sie nicht so viel Platz weg. Nur wenn jetzt irgendwo ein Handy klingelt, dann geht das Gesuche nach dem Richtigen los. Sollten wir also mal nicht gleich rangehen, bitte einfach noch einmal versuchen. 

Ach ja, Jana spielt ja gelegentlich auch Baryton- macht noch so eine große Kiste und für ihre Trompete einen kleinen. Und einen Hefter mit Noten- ABER keinen Rucksack! Denn das geht dann wirklich zu weit, weil wir schon so viele davon haben… . 

Ich wünsch mir ein Gepäckband. So eins wie sie auf dem Flughafen haben! Das kann dann von der Garage direkt in die erste Etage laufen… Im Moment steht das Band jedenfalls und 5 Koffer und 2 Wäschekörbe scheinen unterwegs wegen eines akuten Schreibfehlers gerade stecken geblieben zu sein. Doch was soll’s, das Gepäckinformationssystem auf dem Flughafen läuft ja auch noch auf Windows XP.  

Manchmal ist es jedenfalls schon etwas stressig Gepäckband und Taxifahrer zu sein. Unser Rekord liegt übrigens bei zwölf Touren unser Wohngebiet hoch und runter an einem Tag. Doch wir haben auch viel Freude daraus: Karl singt im Kinderchor der Gemeinde und kann inzwischen erste Melodien auf seinem Bariton selbst spielen und ist gelegentlich auch schon als Bassstimme einsetzbar. Marianne übt fleißig Klarinette und ist eine wunderbare Interpretin der zweiten Stimme. Paul ist ein respektabler erster Trompeter und kann so auch eine kleine Band leiten oder ein gutes Solo spielen, zumindest wenn er will.  Wir sind weiter nach Kräften im Schulorchester engagiert: die Kinder als Musikanten, Jana als Nachwuchsbeauftragte und Micha als Kassierer und Techniker. Gerade hat das Orchester wieder bei einem Wettstreit den 3. Platz belegt. Neben dem Schulorchester haben wir aber auch einen kleinen „Posaunenchor“ bei dem bisher noch 2/3 der Mitglieder den typisch norwegischen Familiennamen Hoffmann haben. Doch wir hoffen, dass der Chor noch wächst, aber so sind wir auch als Familiencombo gut im Training. Diese spielt dann zu familiären Ereignissen von Hochzeit bis Todesfall. 

Zu beidem haben wir dieses Jahr schon gespielt: Im Februar starb Michaels Oma Elisabeth in Meißen wenige Tage nach ihrem 91. Geburtstag und wurde später nach einer sehr familiären Beerdigung in Jena beigesetzt. Im August heiratete Janas Vater nach vielen Jahren endlich seine Carola beim Pfarrer seines Vertrauens in der Hermsdorfer Kirche. Als sich im September nach fast 70 Jahren zum ersten Mal Michaels böhmische Verwandtschaft wieder versammelte, war es ein magischer Moment als Paul in Velké Chvoino die alte und neue tschechische Hymne intonierte. 

Unsere Ferien verbrachten wir wie immer paddelnd und mit Campingwagen. In den heißen Wochen des Sommers 2015 war die Mecklenburger Kleinseenplatte rund um den Rätzsee diesmal unser Paddelrevier. Auf einem gut beschatteten Campingplatz dachten wir ließe sich die Wärme gut ertragen. Doch musste man manchmal schon recht weit rausschwimmen, bevor das Wasser wirklich erfrischend wurde.  Wir dachten, also dass es jetzt nicht mehr wärmer werden könnte.

Doch es sollte wärmer werden und die Hitzewelle sollte ihren Höhepunkt ausgerechnet in der Woche erreichen als Micha mit einer Gruppe gehörloser Jugendlicher zu einem Jugendaustausch wieder in Deutschland war. Dabei konnte er seine Qualitäten als Übersetzter und im Krisenmanagement sowohl in deutschen wie auch tschechischen Krankenhäusern unter Beweis stellen. 

Paul und Marianne waren gemeinsam mit den Großeltern und Micha auch auf dem Kirchentag in Stuttgart. Das Highlight war dabei das Konzert der Wise Guys, das sie aus der ersten Reihe miterleben konnten. Als Zwischenübersetzter für norwegische Gebärdendolmetscher durfte sich Micha dort auch an Margot Käßmann, Joachim Gauck und Eckart von Hirschhausen und anderen versuchen. Frau Käßmann ist eine Schnellsprecherin mit reichlich kirchlichem und politischem Slang, aber übersetzbar. Bei Joachim Gaucks langen Sätzen fielen schon mal die deutschen Gebärdendolmetscher aus, aber wenn man selbst Pfarrer ist kann man da ja gut schätzen. Eckart von Hirschhausens Humor ist durchaus übersetzbar. Allein bei Hartmut Rosa musste Micha aufgeben. Einen Gemeindeausflug nach Deutschland mit Micha als Reiseleiter und Übersetzer oder Michas jährliche Pragtour beschreiben wir hier lieber nicht weiter, damit euch diese Nachrichten doch noch vor Weihnachten erreichen können.  

Wo haben wir uns sonst noch rumgetrieben? Um der nordischen Winterdunkelheit zu entfliehen und die Vitamin-D-Produktion anzukurbeln, verbrachten wir die Winterferien auf Malta. Auch wenn die alten Busse leider nicht mehr fahren, der maltesische Karneval und die maltesische Volksfrömmigkeit zogen uns voll in ihren Bann. In der ehemaligen englischen Kolonie musste auch jeder sein Essen auf Englisch bestellen. Alle Kinder haben bereits seit der ersten Klasse Englisch. Paul hat so schon einiges mehr an Englischunterricht erhalten als seine Eltern, die damit in der sechsten bzw. siebenten Klasse als fakultatives Fach begannen. Dennoch hat am Ende oft der Papa das Menü gewählt und gehungert hat am Ende niemand. 

Doch das mit der englischen Sprache muss noch etwas vertieft werden. Deshalb reisten wir am Palmwochenende nach London. Unsere Kinder sollten die Hauptstadt Großbritanniens zuerst live und in Farbe und nicht wie wir in schwarz-weiß im DDR-Schulfernsehen „English for you“ erleben. 

Mamma und Papa müssen aber auch aufpassen, dass sie weiter Micha und Jana alias „Nane“ und ein Paar bleiben. Deswegen gönnten wir uns dank freundlicher familiärer Unterstützung im Herbst ein SPA-Wochenende in Riga, um dann vollkommen runderneuert wieder zum Alltag anzutreten. 

Hin und wieder bleibt auch noch etwas Zeit uns um unser Haus und den Garten zu kümmern und wenn die dümmsten Bauern die größten Kartoffeln haben, dann können wir ja getrost sein. Unsere Kartoffeln waren sehr klein. Für uns jedenfalls ist es wichtig, dass unsere Kinder wissen, dass das Essen nicht aus dem Laden kommt, sondern dass da viel Arbeit dahinter steckt. Wir haben jedenfalls schon an drei Tagen in der Woche Kinder aktiv in der Küche: Montags ist Mariannes Fischtag. Dienstag macht Karl Waffeln und am Mittwoch ist Pauls Nudeltag. 

Wir freuen uns jedenfalls, dass wir es jetzt scheinbar doch noch geschafft haben und wünschen euch frohe Weihnachten und ein gesegnetes neues Jahr.

 

 

 

«Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.»

(Jes 66,13 – Jahreslosung 2016)

 

Anhänge:
DateiBeschreibungErstellerDateigröße
Diese Datei herunterladen (1512 Inselnachrichten.pdf)1512 Inselnachrichten.pdf Michael Hoffmann2462 kB