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Nr. 29
 Haramsøy, 11. 09.2011
Es hat uns erwischt. Nun sind auch wir infiziert. Lange haben wir Widerstand geleistet, doch nun hat der Bazillus auch uns erwischt. Nein, es ist nicht EHEC, auch wenn wir während des Kirchentages in Dresden Gurken gegessen haben. Der Bazillus, der unsere Verteidigung durchbrochen hat, ist die gemeine Trampolinitis. Michael hatte bereits das Dogma aufgestellt, dass wir nie einen Trampolin kaufen würden. Doch es half alles nichts, als uns unser Nachbar anbot, uns seins zu schenken, wurden Mariannes Gebete erhört. Seitdem befindet sich hinter dem Haus, gut sichtbar von der Terrasse ein „Trampoline“. Aber die großen und kleinen Kinder- und auch die ganz Großen- haben jede Menge Spaß damit.


Die akuten Ausbrüche der Trampolinitis, die sich in heftigem Hüpfen und Herumtoben dreier und mehr Kinder äußern, versuchen wir zum einen durch ein Sicherheitsnetz und zum anderen durch ein paar Regeln unter Kontrolle zu behalten. So dürfen z.B. maximal zwei Kinder gleichzeitig springen und die Schuhe müssen ausgezogen werden.  So versuchen wir einen Bruch des Ellenbogens wie bei einem von Mariannes Klassenkameraden zu verhindern.
Denn Unfälle gab es genug: Für Karli mußten wir innerhalb von 3 Wochen zwei Schadensmeldungen im Kindergarten unterschreiben- das ist, wenn ein Kind sich so verletzt, daß Eltern bzw. Arzt kontaktet werden. Einen Tag vor der Schuleinführungfeier hatte sich Karli die rechte Gesichtshälfte aufgeschlatzt und einen Hack in der Lippe geholt- beim Bergabfahren mit einem „Motorrad“. Machte sich gut auf den Fotos... Und ein paar Wochen später hatte er sich einen 1x1 cm großen Stein in die Nase gesteckt und sofort selber gemerkt daß es wohl keine so gute Idee war. Also zum Arzt damit...
Ich bin immer froh daß unseren NUR sowas passiert; weder sind sie ernsthaft krank- eigentlich fast nie- noch müssen wir uns sonst irgendwelche Sorgen machen. Es ist wirklich keine Selbstverständlichkeit mit 3 gesunden Kindern gesegnet zu sein.
Es ist noch nicht so lange her, da haben wir mit einem großen Fest gefeiert, dass unsere kleine Maus tatsächlich in der Schule angefängt. Für sie ist es schon ganz selbstverständlich, für uns wohl noch lange nicht. Der Abschluss im Kindergarten wurde mit einem Ausflug zum Aquarium in Ålesund und Übernachtung im Kindergarten gefeiert und war ein großes Erlebnis. Marianne war bereit für die Schule und hatte den Schulweg auch schon mit dem Fahrrad geübt. Sie hat in der ersten Klasse auch dieselbe Lehrerin bekommen, die schon Paul die Grundlagen des Lesens und Schreibens beibrachte.  Sie freut sich endlich echte Hausaufgaben machen zu können und mit Paule an ihrer Seite kann ihr sowieso nichts passieren. Stolz kommt sie nach Hause und verkündet:“ Heute haben wir das B gelernt!“ Vorsichtige Einwände wie „ Ja, aber das konntest du doch schon!“ werden entnervt weggewischt: „Ja, aber wir haben das ganz ANDERS gelernt!“

Auch Paul hat wieder eine neue Lehrerin bekommen, die jetzt die 3. und 4. Klasse gemeinsam betreut. Grundfächer werden klassenweise unterrichtet, ansonsten sind die Klassen oft gemischt. Das funktioniert sehr gut: die Kleinen haben die Großen vor Augen und damit ein Ziel. Die Großen müssen das was sie gelernt haben so kapiert haben, daß sie es weitergeben können. Wer das nicht hat, findet immer einen Kleineren der auf gleichen Niveau ist und mit dem sich gut zusammenarbeiten läßt. Leider ist auch die Menge der Hausaufgaben enorm  gewachsen. Micha, der ohnehin am pädagogischen Sinn der meisten Hausaufgaben (ver-)zweifelt hat dies schon einige neue graue Haare beschert.  Es gibt zwar jeden Tag eine halbe Stunde Hausaufgabenbetreuung nach der Schule, doch was die Kinder da gemacht kriegen ist kaum der Rede wert, also müssen beide Elternteile zu Hause ran. Aber beide gehen gerne in die Schule und haben immer was zu erzählen... außer...wenn sie nach dem Wander- oder Projekttag aufschreiben und malen sollen, was an dem Tag los war: Was habt ihr den heute gemacht? Antwort: Hm...nichts!
Karli quasselt im Moment in einem fort und denkt schneller als er reden kann. Er fängt an zu realisieren, daß er nun im Kindergarten alleine ist. Er ging noch sehr lange fest davon aus gemeinsam mit seiner Marianne in der Schule anzufangen und versuchte sich konsequent in alle schulvorbereitenden Aktivitäten hineinzumogeln. Doch auch ohne Marianne: Kindergarten macht ihm Spaß und am Wochenende ist er immer wieder enttäuscht, dass der Kindergarten heute nicht auf hat. Doch sechs Wochen Entzug im Sommer haben wahrscheinlich einen ziemlichen Nachholbedarf hinterlassen. Schließlich waren wir erst im Urlaub und dann hatte der Kindergarten noch 3 Wochen Urlaub.
Unseren Urlaub nutzten wir um herauszufinden, ob etwas faul ist im Staate Dänemark... In der Mitte von Jütland bei Ry fanden wir am Lauf des Flusses Gudenå eine kleine Seenplatte. Die erwies sich als ideal zum Paddeln. Die Gudenå ist mit 158 km übrigens der längste Fluss Dänemarks, auch wenn wir bis dahin noch gar nicht wussten, dass es dort überhaupt so etwas wie einen Fluss gibt. Doch Dänemark ist flach und Gudenå kein reißender Strom sondern eher eine Aneinanderreihung von Seen, die uns zu einigen zig Kilometern in den Armen verleiteten. Doch es wird wohl das letzte Mal zu fünft  in unserem Reisezweier RZ 85 gewesen sein, denn langsam wird es doch etwas eng. Also werden wir nächstes Jahr wohl mit Wohnwagen und zwei Faltbooten aufbrechen.  Camping jedenfalls macht unserer Bande Spaß, mit Minigolf, Mooncars und Schwimmhalle hätten wir den Platz nach deren Meinung an vielen Tagen gar nicht verlassen brauchen. Das Schöne in Dänemark ist, daß auch viele Museen und sogar Klosterruinen sehr auf Kinder eingestellt waren. Mit kleinen Quiztests und Stempelkarten haben sie die Geschichte auf ihre Weise erlebt.
Aber natürlich war Legoland ein absoluter Höhepunkt. Dazu hatten wir einen regnerischen Tag ausgesucht, was sich als intelligenter Schachzug erwies. Da waren wahrscheinlich nicht ganz so viele Leute da. Die Warteschlangen vor manchen „Fahrgeschäften“ sind ohnehin lang genug, da fühlen sich 10 min an wie eine halbe Stunde. Dann gibt es auch sehr viel zu bestaunen: große Hochhäuser und Tiere wie Giraffen, Tiger und Elefanten-- alles ganz aus minikleinen Legosteinen gebaut. Für uns Nordbewohner nicht auszudenken, das in 30grad Hitze... Das Beste waren Wikingerboote mit Wasserkanonen drauf, wo man auch RICHTIG naß machen und werden konnte :-)
Doch auch auf den Inseln passiert genug: Im Juni und Juli gab es eine kleine vorübergehende deutsche Invasion.  Studio Hamburg drehte einen Film der Reihe „Liebe am Fjord“ für die ARD.  „Abschied von Hannah“ war der Arbeitstitel. Auch der Regisseur leugnet nicht, dass es eigentlich die Landschaft ist, die die Hauptrolle spielt, während die Handlung eher Nebensache ist. Doch auch wenn die Handlung eher Kulisse für die Landschaft ist, wir haben sie so oft übersetzt, dass wir sie auswendig können: Die Frau eines bekannten und schrulligen norwegischen Schriftsteller, der sich auf seiner Insel mit allen verstritten hat, stirbt plötzlich. Er arrangiert eine lieblose Trauerfeier zu der seine drei Kinder gerade noch rechtzeitig eintreffen. Auch mit seinem Sohn, laut Drehbuch dem Justizminister Norwegens, hat sich der Vater überworfen und die Beerdigung endet in einem Eklat mit der Dorfbevölkerung. Daraufhin arrangieren die Kinder ein Abschiedsfest für Hannah, ihre tote Mutter, bei dem sich alle wieder versöhnen sollen.
 Man könnte annehmen mit dem „Justizminister“ sei dem Drehbuchschreiber, der ansonsten übrigens wirklich nicht besonders gründlich recherchiert hat, die Phantasie endgültig durchgegangen, doch die „Villa Agdestein“ - der Hauptdrehort- gehört tatsächlich den Schwiegereltern der aktuellen norwegischen Kulturministerin. Und Micha hat vor kurzen die Tante der Oma des Öl- und Energieministers beerdigt. Dickste Verwandtschaft also; Norwegen ist ein Land mit einer kleinen Bevölkerung...
Der „Alte“ wird von Matthias Habich gespielt, der manchen sicher aus „Jenseits der Stille“ oder „Klemperer – Ein Leben in Deutschland“  bekannt ist. Er war ohne Zweifel der Star. Er hat eine starke Ausstrahlung, aber er war eben auch ein Star am Set. Die ostdeutschen Schauspieler hingegen haben wir eher als „Filmarbeiter“ erlebt. Sie kamen mit den Technikern, der Verwaltung,  den vielen Assistenten und den Komparsen besser ins Gespräch. Besonders mit Petra Kelling, die während ihrer Einsätze in unserer Ferienwohnung im Haus „Borgheim“ wohnte, haben wir uns sehr ausführlich unterhalten. Als Komparsen waren auch wir im Einsatz: Michael als Pfarrer (der wegen seinem Sächsisch wahrscheinlich synchronisiert wird) und Jana als „Dorfbevölkerung/unerwünschter Beerdigungsgast“. Gedreht wurde im Großen und Ganzen übrigens in umgekehrter Reihenfolge: Zuerst das Fest, dann die Beerdigung und erst viel später der  Tod  der „alten Dame“. Diese wurde übrigens von einem Mitglied unseres Kirchenvorstandes gespielt, die noch immer von den weichen Händen des Hauptdarstellers schwärmt- als er ihr beim Drehen ungefähr 5 Stunden lang die Hand halten mußte. Jana verbrachte gemeinsam mit Oma Viola und Opa Rüdiger, die gerade bei uns zu Besuch waren und ebenfalls als Komparsen an jener Beerdigung teilnahmen, 8 Stunden auf dem Friedhof- bei Regen. Alle sind wir uns einig: Schuster, bleib bei deinen Leisten! Es war eine interessante Erfahrung, doch ehrlich: einen Tag nasse Füße und einen leeren  Sarg für 3 Minuten Film 30 mal zu Grabe zu tragen sind durchaus ausreichend. 
Der Besuch der Großeltern  hier auf der Insel ermöglichte es uns eine kleine Auszeit von ihr und unserer bezaubernden Rasselbande zu nehmen, da wir letztere in guten Händen wussten. Der Kirchentag war in Dresden und da mussten wir einfach hin. Auch ein Pfarrer muss geistlich gelegentlich mal auftanken. Wir haben versucht, die großen Publikumsmagneten zu umgehen, so dass wir nie vor einer vollen Halle abdrehen mussten.  
Trotzdem: von Klezmer bis Nina Hagen und Chortreffen an den Brühlschen Terrassen, von Bibelarbeiten bis zum Markt der Möglichkeiten und vom Eröffnungs- bis zum Abschlussgottesdienst haben wir viel erlebt und wer wollte konnte uns in der Kirchenzeitung  „Der Sonntag“ bei der Kirchentagsrückschau entdecken. Ein Höhepunkt war für uns das Konzert „Ich öffne meine Tür weit am Abend“ von Gerhard Schöne (Danke für die CD! an Cornelia und Daniel ).
Letztes Wochenende waren „HANO“- dager, eine Großveranstaltung des hiesigen Fußballklubbs mit diversen Festen, Verkaufsmesse, Talentwettbewerb für Kinder und Jugend und – ganz am Rande- Fußballkämpfe. Auf besagter Messe hatte der hiesige Fotoklubb eine Ausstellung mit diversen Bildern der Mitglieder, einerseits um den Klubb zu representieren und auch zum Verkauf. Jana ist Mitglied und war mit dabei. Unsere glorreiche Idee für die Aufhängung: alte Bauernhaustüren, von denen hier jeder, der ein Bootshaus voller Gerümpel hat, etliche rumliegen hat. Micha hat dann, nach langwieriger Projektierung, endlich die rettende Idee gehabt und sie mit Scharnieren zu einer Ziehharmonika verbunden. Das gab der Ausstellung den entsprechenden Hingucker und ein gemütliches Flair. Sogar der „Profi“ im Fotoklubb meinte es wäre seine beste Ausstellung überhaupt. Und als Jana auch noch die meisten Publikumsstimmen bei den „A4“ formatigen Bildern bekam, für ein Bild, daß sie eigentlich erst gar nicht mit ausstellen wollte, war das durchgearbeitete Wochenende gerettet.
Etwas Trauriges zum Schluss: Wir müssen euch von einer Trennung berichten. Wir werden uns von unserer deutschen Bankverbindung bei der Sparda-Bank Berlin e.G. trennen. Wir sind bei der Genossenschaftsbank, bei der wir seit fast 15 Jahren nicht nur Kunde, sondern auch Mitglieder sind, nicht mehr willkommen.  Die Bank wirbt zwar nach wie vor mit „Kostenlos! SpardaGiro.“ für ein Girokonto ohne monatlichen Mindestgeldeingang. Doch das ist nur die Reklame. Die Praxis ist: „Die Führung von Girokonten ohne einen monatlichen Geldeingang stellt eine Sonderleistung dar.” und diese lässt sich die Bank gut bezahlen – die Kundenwerbung des Sommers „gebührenfreies Girokonto mit 55 Euro Bonus und Reisegutschein“ muss ja finanziert werden. Uns wird deshalb aus „Kulanz“ die Auflösung unseres Kontos im Laufe des Septembers angeboten.  Dieses Angebot werden wir annehmen und um den Genossen nicht länger als Kunden zur Last zu fallen, wechseln wir zur DKB, die es auch ganz problemlos ermöglicht ein Konto von Skandinavien aus zu eröffnen.


 

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