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Inselnachrichten                          Haramsøy, 29.01.2003

 

 

Seit ungefähr einem Monat sind wir jetzt Inselbewohner.

Es ist aber mittlerweile so viel losgewesen, daß es uns nicht wie ein Monat, sondern eher wie eine Woche vorkommt.

Den Umzug vor Weihnachten haben wir gut über die Bühne gebracht- die Nachwehen sind überstanden. Die eine Woche die wir in Deutschland waren, war natürlich viel zu kurz. Aber trotzdem hatten wir dort ein schönes Weihnachtsfest. Heiligabend waren wir mit Oma Balda und Opa Paul  in der Schönfelder Kirche. Anschließend hatten wir mit ihnen und Kay noch einen besinnlichen Abend in Hennersdorf. Am 1. Feiertag war die ganze Kamovskisippe in Rehefeld essen. Herrlichstes Weihnachtswetter mit vereisten Bäumen und überzuckerter Landschaft und die geschmückten Häuser machten die Weihnachtsstimmung perfekt.

Am 2. Feiertag waren wir in Meißen bei Michaels Oma und dort zusammen mit Heinz und Susanne essen.

In Leipzig bei Großi haben wir uns mit Barbara und Norbert getroffen und sind von dort mit ihnen nach einem stärkenden "3. Feiertag" auf unsere Nordøyane- Expedition aufgebrochen.

Bis auf daß sich der Flug wegen Umsteigens etwas hinzog ist alles glatt gegangen; sogar unsere Koffer sind alle mitgekommen!

Sylvester hatten wir uns bei Hames (Michaels entfernte norwegische Verwandtschaft) eingeladen; ein schöner Abend. Diesmal konnten wir auch endlich die vielzitierten "Neujahrsplakate" bewundern, die jedes Jahr von ironischen Zeitgenossen in Sæbø gemalt und aufgehängt werden.

Während wir in der ersten Woche im neuen Jahr noch Umzugsschäden beräumten und Micha sich seelisch, moralisch und theologisch- exegetisch auf seine Ordination zum Pfarrer (5.1.03) vorbereitete, haben Barbara und Norbert die Insel kreuz und quer abgewandert.

Immerhin ist sie so groß, daß sie nicht alles geschafft haben und deswegen wohl doch noch mal wiederkommen sollten. Und dann sind ja noch die Nachbarinseln und das Festland...

 

Ja, die Ordination! Wie soll ich das beschreiben?

Aus meiner Sicht würde es heißen: Es war so schön und aufregend und festlich wie unsere Hochzeit, nur daß ich diesmal den ganzen Streß mitgekriegt habe. Damals ist ja alles in einer heiter- rosaroten Wolke an uns vorübergeglitten, alles schien perfekt und wie von selbst zu funktionieren...

 

Mit der tatkräftigen Unterstützung von Barbara und den Bemühungen der Gemeinde hier wurde daraus ein Fest von ungeahnten Ausmaßen.

Sonntag um 11 Uhr war Ordinationsgottesdienst in der bunt ausgemalten Hauptkirche auf Haram.

Von außen ist sie ein schlichtes, weißes, symmetrisches Holzkirchlein mit Turm auf der Mitte, man erwartet nichts besonderes, wenn man hineingeht. Aber dann kommt man in einen großen, fröhlichen Kirchenraum in bunten Farben: Die Decken sind himmelblau mit großen Gemälden und die Wände weiß und grün mit Pflanzenmotiven. Vom Chorraum schauen einem Jünger und Apostel entgegen. Der geschnitzte und bunt bemalte Altar von ca. 1670 stammt aus einer Stabkirche, die es hier mal gab (abgebrannt wegen Blitz).

Der Gottesdienst begann mit einem Einzug in die Kirche. Als da wären: Kirchendiener (Aud Marøy) als erstes, das Kreuz tragend, Michael in weißer Alba ohne Stola, Marie- Luise Diehl als Vertreterin der Fakultät, Bischof Bondevik, Probst Klemmetsby, Sokneprest Vik (Nachbarpfarrer), Gemeinderatsvorsitzende der zwei Gemeinden Haram (Jens Aksnes) und Fjørtoft. Dann folgte der Gottesdienst mit der eigentlichen Ordinationshandlung, wo alle oben genannten ihre Hand auf Michaels Kopf legten, beten und ihm schlußendlich eine Stola umlegten, die er ab jetzt offiziell tragen darf. Dann gab es noch  Abendmahl und schließlich Michaels erste Predigt als Pfarrer. Da ging es um die drei Weisen, Könige oder was auch immer die waren und daß es unwichtig ist wer sie waren oder woher sie kamen. Wichtig ist wozu sie sich machen: Sie kommen weither in einen Stall um Jesus als den neuen König, den Heiland anzubeten.

Danach hatte die Kirchgemeinde zum Kirchenkaffee eingeladen. Allerdings ging das Angebotene weit über Kaffee und Kuchen hinaus. Erst gab es Schnittchen und verschiedene herzhafte Snacks und dann wurden mehrere duzend Kuchen herausgebracht. Es wurde eine Art Volksfest daraus, Bischof, Soknerat und Frau Diehl hielten jeweils eine Rede und Michael auch. Es war schon ein sehr herzlicher Empfang den wir da bekommen haben. Ich schreibe wir, denn ich wurde leider auch in einem Atemzug immer mit genannt und mußte entsprechend lächeln, vortreten oder sogar Reden reden.

Auf jeden Fall sind wir froh bisher nur positive Rückmeldungen bekommen zu haben. Die Leute hier wirken eigentlich recht aufgeschlossen, obwohl sie anfangs verständlicherweise etwas skeptisch gegenüber einem ausländischen Pfarrer gewesen sind.

Aber nachdem wir einigen die Angst nehmen konnten, daß sie jetzt deutsch lernen müßten, geht alles seinen Gang.

 

Dann mußten wir leider das sensationelle Kuchenbüffet seinem weiteren Schicksal überlassen, denn wir hatten ja zum Mittag geladen!

Es gab nämlich deutschsprachiges Treffen auf Haramsøy an diesem Tag: Bruno, Kari und Berit Hame, Egon, Min und Gom Hitzler, Marie- Luise Diehl, Frode Høyland, Norbert und Barbara Wermke, Bischof Odd Bondevik und unser zwei Wenigkeiten.

Es gab- alles von Barbara wunderbar vorbereitet und vollendet( Danke nochmals)- Knödel mit Gulasch und verschiedenen Beilagen. Das war ein voller Erfolg obwohl der rechte Hunger bei den meisten wohl doch nicht mehr da war. Danach noch Mousse au chocolade. Leider gestaltete sich der Aufbruch etwas hektisch, weil alle wider Erwartens die 16- Uhr- Fähre nehmen wollten. Das Leben hier draußen bestimmen eben weder Kirche noch weltliche Herren sondern MRF, die Fährrederei.

Dadurch hatten wir 2 Apfelstrudel für uns 4 ganz allein! Und dadurch habe ich leider vergessen von allen eine Unterschrift ins Gästebuch einzufordern- aber so kommt ihr nicht davon! Ich kleb ein Beweisfoto ein! Nu hab ich aber auch kein Originalautogramm vom Bischof darin, was wirklich tragisch ist, und schlußendlich haben wir uns dann auch noch dagegen entschieden das Löffelchen aufzuheben von dem er gegessen hat (zwecks DNA- Probe).

So bleibt uns nur die Erinnerung an einen sehr schönen Tag und das Wiedersehen mit Bekannten, ein paar tolle Geschenke sowie ein frischgebackener Pfarrer mit viel Arbeit.

Ich bin also ganz schrecklich stolz auf meinen Micha.

 

An nächsten Tag waren wir beide halskrank und hatten uns unseren Urlaub auf Gran Canaria richtig verdient.[1] Dort waren wir eine Woche und haben die Insel nach allen Richtungen abgefahren und -gewandert, alle lokalen Köstlichkeiten ausprobiert und Sonne und Wärme genossen.

Am 20.01.03 ging es dann bei uns beiden los mit voller Kraft.

Micha hat seine erste Woche in Papier wühlend im Büro verbracht, unterbrochen von Beerdigung und verschiedenen Sitzungen. Ich habe eine halbe Stelle in der Hauskrankenpflege und hatte letzte Woche Einarbeitung. Die Arbeit ist nicht schwer; und ich bin zuversichtlich was diesem Job angeht[2]. Allerdings ist eine halbe Stelle nicht grad viel und ich versuche momentan ein paar Extrawachten im Krankenhaus zu ergattern. Momentan ist Sparkurs angesagt, deswegen ist die Sache nicht so einfach wie sie in Oslo gewesen wäre.

 

Vielleicht können wir eh bald von dem Geld leben was die Verfilmung unserer Lebensgeschichte bringt  (*grins*)? Ständig kreuzen hier nämlich Journalisten auf und wollen zum 20. Mal hören wie um alles in der Welt jemand aus Deutschland freiwillig auf so eine kleine Insel ins Nichts ziehen kann. Erstens ist die Insel gar nicht so klein und zweitens fängt das Nichts erst auf Fjørtoft an.

So kam es, daß neben mehreren Zeitungsartikeln auch eine nette, kleine Reportage im Fernsehen kam.

Michas erschrockene Erkenntnis nach der jüngsten Reporterattacke (nach Reinhard Mey):

 

"Mir wurde klar:

Ich hatte soeben mein Einverständnis für eine Homestory gegeben!

Noch klangen unheilschwer die Worte in mir:

'Wir kommen dann am Donnerstag um viertel vor 4.' "

 

Ja, wir haben also Spaß.

Unser Home: Ein Haus mit ca. 140m² Grundfläche und zwei Etagen. Rundherum befindet sich ein Grundstück mit Parkplatz und pflegeleichtem Sträuchergarten. Weil wir nicht richtig wußten was tun haben wir schon mal 3 Zimmer als Gästeraum umfunktioniert. Zwei davon befinden sich im Erdgeschoß, dazu gibt’s noch eine Toilette, Speisekeller, Waschkeller, Fahrradkeller, Eingangs-"halle" und "Versuchsküche" (wollen versuchen daraus eine Küche zu machen). Garage ist auch noch da. Und ein Raum für Autoreifen und Putzzeug oder so.

Vom Flur geht eine Treppe in die 2. Etage (norwegische Zählung).

In der Zweiten Etage haben wir uns breit gemacht, im wahrsten Sinne des Wortes: Jeder hat sein eigenes "Spielzimmer". Rechts von der Treppe ist Küche, Eßzimmer, Michas Zimmer und Stube mit Kamin. Von dort aus geht es auf eine Terrasse. Links von der Treppe geht es in einen Gang von dem Toilette, Bad, Gästezimmer, unser Schlafzimmer und mein Zimmer abgehen. Von unserem Schlafzimmer geht nochmals ein kleiner Balkon ab.

Ein Glück, daß wir ein neues Telefon mit Internanrufmöglichkeit haben!

Fast alle Fenster gehen Richtung Osten und geben den Blick auf Fjord, die Berge auf dem Festland und ein Stück Nachbarinsel frei. Wir sehen die Fischkutter, die Fähre und mit etwas Glück die Hurtigrute vorbeifahren. Das erste am Morgen ist aus dem Fenster gucken, was die Natur heute für eine Malerei zu bieten hat.

Vor ein paar Tagen gab es surrealistische Kunst: Der Himmel hatte eine grünlich- türkise Farbe und darüber waren rosarote Wolkenfetzen verteilt. Erstaunlich was sich die Natur so alles ausdenkt.

Uns geht es gut; wir fühlen uns am Ziel unserer Träume. Eigentlich kann es doch jetzt nur noch abwärts gehen? Denn besser geht es ja nicht?

Auch wenn unsere Familie und viele Freunde weit weg sind, so freuen wir uns doch, daß wir zu allen regen Kontakt haben und man dank der "modernen Technik" nie weiter entfernt ist als das nächste Telefon. Wir freuen uns auch sehr über jede Art von Neuigkeiten oder einen Anruf "bloß so".

 

Möchte mich hier auch noch mal in aller Form bei denen entschuldigen die so lange Zeit auf ein Lebenszeichen warten mußten; dieses ist jetzt gegeben.

Vielen Dank für die viele nette Post und Emails die wir bekommen haben. Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, daß es Leute gibt, die einen mittragen und an einen denken. Wir denken auch an alle!

Das nächste große Projekt ist die Homepage.

Wenn Michael mal nicht weiß was er machen soll...

 

Vielen Dank an Euch alle die Ihr uns bis hierher begleitet habt mit Worten, Tat, Freundschaft und gegebenenfalls etwas Antrieb.

 

 

 

Herzliche Grüße von uns

 

 

 

Jana und Michael



[1] Zitat aus dem Tagebuch: " Krank sind wir beide. 2 Halspatienten, deswegen geh ich jetzt ins Bett. Micha gesundet am besten wenn er Receiver programmieren kann."

[2] Meistgehörte Begrüßung der letzten Woche: "Aaaahhh, sie sind die neue PFARRFRAU?! Herzlich willkommen! Ich hoffe, Ihnen gefällt es hier?"

Ich hoffe ich kann ihnen mit der Zeit meinen Namen beibringen...

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