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2.Fachdidaktische Analyse

2.1.Situationsanalyse

Ein Aspekt, der heute im gemeindlichen Unterricht gerade in der Altersgruppe der 12 bis 13 jährigen besonders beachtet  werden muß, ist der der Konzentration. Um Tätigkeiten gut auszuführen ist oft Konzentration, d.h."Sammlung, Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf eng umgrenzte Sachverhalte"[5]  nötig. "K[onzentration] bedingt Spannung, Energie, Vitalität, Übung."[6] Ihr können" Ermüdung, Sättigung, ...Reizüberflutung, ...Interessenmangel und störende situative Umstände"[7] entgegenstehen.

Bei 12- und 13jährigen können der für den Unterricht notwendigen Konzentration verschiedene Faktoren im Wege stehen:

Zum einen die Reizüberflutung: Diese kann erfolgen durch einen häufig und lange laufenden Fernseher, der die Jugendlichen oft mit nicht gerade ruhiger Musik und Videoclips mit schnell wechselnden Bildfolgen berieselt. Eine Reizüberflutung kann ebenfalls durch den häufigen Gebrauch eines Walk- oder Discmans bzw. andere ständige Musikberieselung entstehen.

Ein weiterer Faktor sind neben den äußeren die inneren Reize. Großer Leistungsdruck besonders in der Schule, Probleme im oder mit dem Elternhaus oder ein inneres, für die Zeit der Pubertät nicht untypisches Durcheinander von Eindrücken und Empfindungen können die Konzentrationsfähigkeit einschränken.

Negativ kann sich auf die Konzentration aber auch der Zeitpunkt auswirken, zu dem sie benötigt wird. Gerade im kirchlichen Unterricht besteht diese Gefahr häufig, da er fast ausschließlich am Nachmittag stattfindet. Am Nachmittag aber ist bei Jugendlich nach einem vorausgegangenen Schultag und bereits erledigten bzw. noch zu erledigenden Hausaufgaben häufig eine Ermüdung festzustellen.

Problematisch, ja fast unmöglich, ist auch  der Umgang mit einem Thema, wenn es nicht gelingt die Angesprochenen, die Konfirmanden, dafür zu interessieren. Dies trifft für die Behandlung von Themen, die sich auf das Handeln der Jugendlichen auswirken sollen, in besonderer Weise zu, da sie hier nicht nur auf-, sondern auch annehmen sollen. Gelingt es nicht, die Jugendlichen zu Beginn zu sammeln und gleichzeitig mit ihrer Lebenssituation für das Thema zu organisieren, so kann eine Umsetzung nicht gelingen.

Zur Winzerlaer Vorkonfirmandengruppe des Jahres 1996/97 gehören im Mai 1997 neun junge Jugendliche. Diese Gruppe besteht aus 4 "Pärchen" gleichen Geschlechtes, die jeweils gemeinsam in eine Schulklasse gehen. Zu diesen 3 Mädchenpärchen und dem einem Jungenpaar ist in meiner ersten Hospitationsstunde am 27. Mai noch ein Außenseiter, Marko, hinzugekommen, der eine Lernbehindertenschule besucht. Die bis dahin bestehende Gruppe ist nach Angaben von Frau Pastorin Seibt auch erst im Sommer 1996 das erste Mal als Gruppe zusammengekommen. Zu dieser Ursprungsgruppe gehörte anfangs noch ein weiterer Junge, der allerdings im Winter 1997 aufgrund einer schulischen Rückstufung auf eigenen Willen die Gruppe verließ und wahrscheinlich zur nächsten Vorkonfirmandengruppe gehört.

Die für die Gemeinde relativ kleine Gruppe von 9 Vorkonfirmanden - die vor kurzem konfirmierte Gruppe brachte es auf immerhin 19 - ist mit einem Unterschriftenkärtchen "bewaffnet" zu 7 Gottesdienstbesuchen in einem Unterrichtsjahr verpflichtet. Während manche diesen "Plan" übererfüllen, haben andere große Mühe damit.

Unter den Vorkonfirmandinnen fallt - nicht nur durch ihren seltenen Namen - Franze auf. Sie scheint als einzige ein wirklich an die Gemeinde gebundenes Elternhaus zu besitzen. Die Familie gehört zu den Lesern des Kirchenblättchens und ihr war beim Thema Tischgebet als einziger der Wortlaut eines solchen bekannt. Sie bildet gemeinsam mit Sandra, mit der sie ein Schulklasse besucht eine Gruppe. In dieser Gruppe ist sie klar die Meinungsführerin, aber auch auf die anderen, besonders auf die Gruppe von Jana und Stefanie kann sie Einfluß ausüben. Die dritte Gruppe, Anika und Claudia, ist durch die Unsicherheit und "Kichrigkeit" der Meinungsführerin Anika gekennzeichnet. In der Jungengruppe ist Tazilo der Lebhaftere, der gerne Möglichkeiten zu Diskussion mit Franze aber auch mit Anika nutzt, ein wenig vorlaut sein kann und gegenüber Lars klar die Meinungsführerschaft inne hat. Er versucht zuweilen den Unterricht zu stören.

Bemerkenswert in der Winzerlaer Gruppe ist die Pärchenbildung, deren Basis jeweils die gemeinsam besuchte Schulklasse ist. Das heißt die Schulklasse scheint für diese Vorkonfirmanden ihre Bezugsgruppe zusein, dabei fällt auf, daß die Pärchen jeweils gleichgeschlechtlich sind. Dies läßt darauf schließen, daß die Partnerwahl für diese Jugendlichen noch kein Thema zu sein scheint. Vielmehr befinden sie sich am Beginn der Suche nach einer sie ansprechenden Gruppe. Andeutungen dazu lassen sich in den Gesprächen der Mädchen vor Unterrichtsbeginn finden, deren Inhalt nicht die jeweilige Klasse, sondern die gesamte Schule, die Lehrer und Schüler und Schülerinnen anderer Klassen sind. Auch brechen die Mädchenpärchen in den Sitzordnungen teilweise schon auf. Gleichzeitig ist eine sich entwickelnde Faszination des anderen Geschlechtes besonders in den Gesprächen zwischen Tazilo und Franze zu beobachten[8]. Dafür ist sicher auch förderlich, daß Tazilo und Franze gemeinsam eine Schule besuchen. Die anderen Gruppen haben zwar gemeinsame Lehrer als Gesprächsbasis, gehen aber zu verschiedenen Schulen.

Eine besondere Rolle in der Gruppe spielt Marko. Er hat die Rolle des Außenseiters inne. Dies ist durch mehrere Faktoren bedingt: Zum einen kam er erst später in die Gruppe und ist mit seinen 15 Jahren etwas älter als der Rest. Zum anderen ist er lernbehindert, sehr verschlossen und hat zu keinem der Pärchen eine Beziehung. Dabei muß der Gruppe zu Gute gehalten werden, daß er nicht abgelehnt, sondern eher ignoriert wird. Dies dürfte aber zu einem weiteren "Sich-Zurückziehen"[9] Markos führen und eine Öffnung zumindest erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen. Dennoch kann Markos Entwicklung die Entwicklung der gesamten Gruppe

beeinflussen, da er außerhalb der relativ fest gefügten Strukturen steht. Ihm muß besonders viel

Aufmerksamkeit zugewandt werden. Dies war in den Hospitationsstunden meine Aufgabe. Dabei bemerkte ich, daß er zwar schreiben kann, dies ihm aber nicht besonders leicht fallt, ebenso verhält es sich mit dem lauten Vorlesen, das von ihm nicht unbedingt gefordert werden sollte.

Die Mitarbeit ist ziemlich schlecht, mit Ausnahme von Franze und Tazilo muß den meisten oft jedes Wort förmlich "aus der Nase gezogen" werden.

Die mangelnde Beteiligung an Unterrichtsgesprächen könnte mehrere Ursachen haben: Zum einen die Unsicherheit, das Abtasten, welches für die Zeit der Umbrüche, in der sich die 12 und 13jährigen befinden charakteristisch ist. Diese und die zusätzliche Unsicherheit durch den Gebrauch einer "kirchlichen Sprache", die nicht ihre Alltagssprache ist, sowie eine gewisse Angst, gegenüber der Pastorin etwas Falsches zu sagen und von dieser korrigiert und so vor der Gruppe blamiert zu werden, könnte ein Grund  sein. Ein anderer kann  mehr oder minder pures Desinteresse sein, wenn das Thema die Jugendlichen nicht erreicht und es nicht gelingt, eine glaubhafte Beziehung zwischen dem Thema und den Konfirmanden und ihrer Welt herzustellen. Die Disziplin der Gruppe ist sehr unterschiedlich und nahezu proportional zum Grad der Beschäftigung.

Die Eltern der Konfirmanden scheinen im Rahmen der Gruppe keine oder nur eine minimale Rolle zu spielen, nur Markos Vater trat in den Hospitationsstunden in Erscheinung, als er Marko zu dessen erster Unterrichtsstunde brachte. Sicher ist aber der Wunsch der Eltern bei fast allen zumindest einer der Hauptgründe, den Konfirmandenunterricht zu besuchen. Nicht alle besuchen immer den Vorkonfirmandenunterricht, fast immer fehlt mindestens einer oder eine der Jugendlichen. Die Regel ist dabei entschuldigtes Fehlen, aber nicht selten bleibt auch eine Entschuldigung aus.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Die Jugendlichen befinden sich in einer durch die Pubertät bestimmten Umbruchphase. Es kann bei nachmittäglichem kirchlichen Unterricht nur mit einer begrenzten Konzentrationsfähigkeit gerechnet werden. Die Pärchenbildung muß bei der Gestaltung des Unterrichts unbedingt berücksichtigt werden. Das Thema sollte so gestaltet werden, daß Konzentration und Kreativität in einem ausgewogenen Verhältnis stehen.

Die Vorkonfirmanden bewegen sich in einer Welt, in der Nächstenliebe nicht selbstverständlich ist. Man hilft sich selbst und seinen Freunden. Diese Situation ist nicht weit von der des Schriftgelehrten im Bibeltext entfernt, so daß hier eine Identifikation erreicht werden könnte. Dazu ist es allerdings notwendig, den Text unabhängig von einer für sie schwer verständlichen Kirchensprache den Jugendlichen anzubieten. Eine Identifikation könnte dadurch erleichtert werden, daß ihnen mit Ausnahme von Franze der Text unbekannt sein könnte. Nächstenliebe sollte ihnen so nahegebracht werden, daß sie dadurch in ihrer Lebenssituation berührt sind. Der Text zielt auf das Handeln von Menschen, das auch Jugendliche nur ungern verändern. Sie befinden sich jedoch in einer Phase des Umbruchs, in der sie wichtige Prägungen für ihr späteres Leben aufnehmen. Eine besondere Herausforderung stellt das Thema Nächstenliebe in der Winzerlaer Gruppe dar, da sie mit Marko selbst ein Mitglied hat, das Hilfe tatsächlich nötig hat.

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