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3.3. Die Entwicklung Mariascheins bis zum Neubau der Kirche Anfang des 18. Jahrhunderts

Die Zeit nach dem Beginn der Wallfahrten aus der Lausitz 1515 ist für Mariaschein von einer Zunahme der Bedeutung, von einer von Kriegen gestörten, aber nicht abgebrochenen Blüte mit einem Ausbau der Wallfahrtskirche gekennzeichnet, die in der Errichtung der Barockkirche Anfang des 18. Jahrhunderts einen Höhepunkt hatte. In engem Zusammenhang mit dieser Blüte steht auch das Wirken der Gesellschaft Jesu in Mariaschein seit 1591.

Die Zeit der Reformation im 16. Jahrhundert faßt Kröss in bezug auf Mariaschein kurz zusammen: „Wie dem aber immer sein mag, jedenfalls steht aus den folgenden Ereignissen fest, dass die Gnadenkirche ihren katholischen Charakter auch in diesen Zeiten bewahrt hat.“[47] Dazu hat sicher auch beigetragen, daß Kaiser Rudolf II. 1579, als Krupka freie Bergstadt und die Herrschaft Geiersberg an die lutherischen Brüder Kekule verkauft wurde, sich  die Wallfahrtskirche in Mariaschein und die Klosterkirche in Krupka vorbehielt. So wurde Mariaschein zu einem Zentrum der Katholiken der Region. Der Kaiser übergab dann 1584 die Kirchen an den Appellationspräsidenten Georg Popel den Jüngeren von Lobkowitz, der sich als großer Stifter der Kirche erwies und sie bis zu seinem Tod 1590 mit einer Ringmauer mit sieben Kapellen umgab. Dadurch erhielt die Anlage ihre heutige Struktur, die dann später ausgebaut wurde. Er übergab auch 1587 die Kirche Allerheiligen in Krupka an die Jesuiten des Kollegiums zum heiligen Clemens in Prag, die somit erstmals mit der Gegend um Mariaschein in Berührung kamen. Daneben stiftete er eine wöchentliche Messe in Mariaschein.

1591 übergab sein Erbe, der Oberstlandhofmeister Georg Popel von Lobkowitz, „ohne Verzug die Kirche der schmerzhaften Mutter Maria im Elend, samt dem Gnadenbild U.L. Frauen samt allen Zubehör, denen Patribus (im Collegium zu Komotau) auf nun und ewig“[48]. So daß ab 1592[49] regelmäßig Jesuiten nach Mariaschein kamen und auch bei der Rekatholisierung ab 1620 eine wichtige Rolle spielten, sich jedoch noch nicht permanent bei der Gnadenkirche aufhielten. Dies änderte sich 1652, nachdem durch die Witwe Anna von Bleileben der Bau einer Residenz ermöglicht wurde. Von ihr bekamen die Jesuiten 1665 auch eine große Erbschaft für die Wallfahrtskirche, die unter anderem die Herrschaft Sobechleby[50] umfaßte. In dieser Zeit kommt auch die Bezeichnung „Mariaschein“ abgeleitet von einem in der Nähe gelegenen ehemaligen Gut „Scheune“ auf. Der Name Bohosudov stammt erst aus dem 19. Jahrhundert. Dennoch gab es um 1650 in Mariaschein und zwei weiteren Dörfern „kaum sieben Katholiken, alle anderen waren Lutheraner“[51].

Die Jesuiten scheinen jedoch bei der Gegenreformation Erfolg gehabt zu haben allein zwischen 1661 und 1678 „bekehrten“ sie über 9500 Protestanten[52]. So mußte bereits 1670 bis 1677 die Residenz der Gesellschaft Jesu erweitert und teilweise neu gebaut werden und nahm seit 1679 auch eine erste Latein- bzw. Sängerschule[53] auf. Die Zunahme der Bedeutung Mariaschein läßt sich jedoch nicht nur an baulichen Maßnahmen festmachen: 1610 zum Beispiel unternahm der Prager Erzbischof eine Wallfahrt nach Mariaschein.

Auch der erste Bischof von Litomerice, Maximilian Rudolf Freiherr von Schleinitz[54], der aus einem sächsischen Adelsgeschlecht stammend, mit dem letzten vorreformatorischen Bischof von Meißen Johann von Schleinitz verwandt war[55] und von 1555[56] bis 1575 amtierte, war ein Förderer Mariascheins und unternahm selbst häufig Wallfahrten und Firmungsreisen nach Mariaschein. In seinen letzten Hirtenbrief schreibt er, daß Mariaschein ein „sehr berühmter“[57] Gnadenort sei. Im selben erklärte er auch das Gnadenbild offiziell für „wundertätig“.[58] Auch sein Nachfolger von 1676 bis 1709 Jaroslaus Graf von Sternberg[59] unterstützte Mariaschein nach Kräften.

In das 17. Jahrhundert fallen auch die schriftliche Fixierung der Gründungslegenden und die Forschungen Pater Johannes Millers nach 1650 oder auch die Gewährung eines ersten Plenarablasses für alle Kommunikanten 1615 und eines  „vollkommenen Ablaß für ewige Zeiten“[60], also eine Bestätigung des Plenarablasses, durch den Ablaßbrief Innocenz‘ XII. vom 28. Januar 1693.

Daneben spielten die Jesuiten aus Mariaschein auch eine wichtige Rolle bei der Konversion des sächsischen Kurfürsten zum katholische Glauben 1697. Seitdem war Mariaschein ein beliebter Wallfahrtsort für das sächsische Fürstenhaus.

II. Exkurs: Mariaschein und die Folgen der Kriege – Die Fluchten des Gnadenbildes

Die Entwicklung Mariascheins ist nicht immer eine friedvolle gewesen. Schon seine Entstehung geschah in Zusammenhang mit den Hussitenkriegen. Nach diesen unruhigen Zeiten von 1415-1434[61] folgten für Böhmen relativ ruhige Zeiten unter dem „Hussitenkönig“ Jiri z Podebrad[62] 1458 bis 1471 und seinem Nachfolger Vladislaus II. von 1471-1516. Dann zogen jedoch mit der deutschen Reformation wieder unruhigere Zeiten herauf und die Zeit des Friedens, die 1436 nach der Zustimmung Kaiser Sigismunds zu den Prager Kompaktaten von 1433 begonnen hatte, endete spätestens 1547 als sich die böhmischen Stände mit dem Schmalkaldischen Bund verbündeten und in der Schlacht von den Truppen des Habsburger-Kaisers Ferdinand I. geschlagen wurden. Nun setzte die Rekatholisierung des zu neunzig Prozent protestantischen [63]Böhmens ein, die 1548 mit der Ausweisung von Böhmischen Brüdern begann. Dabei war Mariaschein eine wichtige Ausgangsbasis besonders für die Jesuiten in ihren Kampf gegen das Luthertum, das auch in Krupka weit verbreitet war und beispielsweise die 1516 geweihte Annenkirche[64] benutzte, die damit später zu einer der wenigen katholischen Kirchen mit einem Lutherbildnis[65] wurde. Unter den Kaisern Rudolf II.[66] von 1567 bis 1611 und Matthias von 1611 bis 1619 spitzte sich die Situation jedoch derart zu, daß es 1618 zum berühmten zweiten „Prager Fenstersturz“, dem Beginn des 30jährigen Krieges, kam. Schon 1616[67] wurden die Jesuiten verbannt, verließen auch Chomutov und damit Mariaschein und kehrten erst 1621 zurück. Die Zeit des „Winterkönigs“ Friedrich V. von der Pfalz, den die Stände statt des habsburgischen Ferdinand II. durchzusetzen versuchten, endete mit  der Niederlage der protestantischen Stände in der Schlacht am Weißen Berg am 8. 11. 1620 und der Hinrichtung der Anführer des böhmischen Aufstandes auf dem Altstädter Ring in Prag am 21. 6. 1621. Die katholischen Habsburger hatten gesiegt, Böhmen konnte nun mit aller Kraft rekatholisiert werden und Mariaschein kam dabei als Vorposten eine wichtige Bedeutung zu. 1621[68] setzten die Wallfahrten wieder ein und 1625 wurde mit der Erneuerung einer ersten Kapelle und dem Ausbau der Ringmauer zu einem Kreuzgang begonnen, der erst 1722 abgeschlossen wurde. Dennoch war damit für Mariaschein das Übel des Krieges noch nicht vorbei[69], im September  1631 mußte das Gnadenbild nach Prag in Sicherheit gebracht werden und die Schweden plünderten die Kirche. 1639 wurde Krupka und seine Umgebung erst drei mal von kaiserlichen und schließlich noch einmal schwedischen Truppen geplündert und schließlich von letzteren für etwa ein Jahr besetzt, bis sie 1640 von kaiserlichen Truppen vertrieben wurden.  1642 zogen die Reste des in der Schlacht bei Breitenfeld geschlagenen kaiserlichen Heeres erneut plündernd und raubend durch die Gegend um Krupka. 1645 kamen dann erneut die Schweden und forderten Brandschatzung. Der Westfälische Friede, der 1648 geschlossen worden war wurde erst „im Jahre 1650 am Feste des hl. Ignatius von Loyola“[70],  dem 31. Juli, verkündet.

Mariaschein konnte sich nun etwa 30 Jahre lang erholen, bis es 1680 anfangs zwar noch gelang den böhmischen Bauernaufstand von Mariaschein fernzuhalten, man gegen die Pest in diesem Jahr jedoch machtlos war.

Auch durch die schlesischen Kriege[71] 1740 bis 1742 und besonders 1744/45 zwischen Preußen und Österreich wurde Mariaschein in Mitleidenschaft gezogen: 1744 wurde Mariaschein von den Preußen besetzt und der Superior der Jesuiten verschleppt und starb 1745 wohl an den Folgen dieser unfreiwilligen Reise. Auf die preußische Besetzung folgte 1745 eine österreichische.

Im Siebenjährigen Krieg[72] wurde Mariaschein erneut zum Schauplatz: 1756 befestigte zuerst der österreichische General Browne Mariaschein. Als die Preußen allerdings in Richtung Usti abbogen, zog er seine Besatzung ab. Daraufhin fielen preußische Husaren ein und plünderten die Gegend nahezu restlos aus. Auch die Residenz wurde durchsucht und der Superior gefangen gesetzt. Nach der Schlacht bei Lovosice[73] am 1. Oktober 1756 zogen sich die Preußen langsam nach Sachsen zurück und verschleppten dabei den Superior. Dabei lag Mariaschein auf dem Rückzugsweg über die Nollendorfer Höhen[74] und wurde daher wiederholt in Mitleidenschaft gezogen. 1757 brachen die Preußen erneut in Böhmen ein und hatte beispielsweise die Residenz in Mariaschein mit 60 Mann besetzt und eine hohe Geldsumme von den Patres gefordert, die diese nur mit Mühe leisten konnten. Bei der Übergabe wurde allerdings bereits das Heranrücken der Österreicher bekannt. Diese richteten im Gymnasialgebäude ein Feldlazarett ein. 1759 nahmen die Preußen erneut acht Patres gefangen und besetzten Mariaschein. Bei ihrem Abzug nahmen sie einige Patres und viele andere als Geiseln mit nach Leipzig. Gegen Ende dieses Jahres kamen die Preußen noch einmal ins Böhmische und setzten die zwei nicht aus Mariaschein geflohenen Jesuiten gefangen und verwüsteten die Hauskapelle. 1762 entging Mariaschein durch einen Sieg der österreichischen Reiterei bei Teplice nur knapp einer erneuten Plünderung.

Auch der bayrische Erbfolgekrieg, in Böhmen „Zwetschkenrummel“ genannt hatte für Mariaschein negative Folgen: Preußen und Sachsen quartierten sich ein und forderten den Kirchenschatz. Da der Inspektor und Verwalter der Jesuitenresidenz diesen jedoch bereits in Sicherheit gebracht hatten, wurden sie bis zur Zahlung eines Lösegeldes nach Dresden verschleppt.

Etwa fünfzig Jahre nach dem so verheerenden Siebenjährigen Krieg zog ein neuer Krieg herauf: Im Sommer 1813[75] erreichten die Befreiungskriege Böhmen: Während der Kämpfe auf den nahe Mariaschein gelegenen Nollendorfer Höhen plünderten Russen, die gemeinsam mit Preußen und Österreichern gegen Napoleon kämpften, die gesamte Gegend um Mariaschein und nahmen alles mit, was nicht „niet- und nagelfest“ war. Später besetzten Preußen Kirche und Kreuzgang und bedienten sich an Holz für ihre Feuer bei Balken, Dachlatten etc. Als die Verbündeten Heere schließlich Napoleon zur Völkerschlacht nach Leipzig hinterherzogen, blieben Hunger, Armut, Seuchen und eine beschädigte Kirche zurück.

Über den nächsten großen Krieg, den I. Weltkrieg von 1914 bis 1918, habe ich in bezug auf Mariaschein nur indirekte Hinweise, da auch in keinem der Wallfahrtsbüchlein darüber geschrieben wird und meine Gesprächspartner noch zu jung bzw. nicht geboren waren. Es ist aber mit vielen Opfern auch aus Mariaschein zu rechen, das selbst diesmal wohl kein Schauplatz war, da sich in nahezu allen Dörfern der Umgebung bis heute Gedenksteine an die gefallenen finden. Das Resultat für Mariaschein war auf jeden Fall, daß es sich mit der Tschechoslowakei in einem Staat wiederfand, in dem die seine Tradition tragende deutschsprachige Bevölkerung nur noch eine starke Minderheit darstellte.

Nach dem Einrücken der Deutschen 1938 mit der Auflösung des Gymnasiums brachen nach 1939 die Wallfahrten ab. Der Zweite Weltkrieg von 1939 bis 1945 lies Kirche und Gebäude relativ unbeschadet, brachte jedoch mit der Vertreibung der Deutschen 1948 das Ende der Wallfahrtstradition, da nahezu die gesamte Bevölkerung der Region vertrieben wurde und die von der kommunistischen Regierung angesiedelten Tschechen diese kaum fortsetzen konnten und wollten. Erhalten haben sich nur die Wallfahrten aus der Lausitz, die aber zu Zeiten der DDR auch nicht einfach und übermäßig groß gewesen sein dürften.

Die Wallfahrtsbüchlein und Kröss berichten über verschiedene Exile der Statue der Gottesmutter durch die verschiedenen kriegerischen Auseinandersetzungen[76]: Während des 30jährigen Krieges wurde das Gnadenbild von 1618 bis 1624 in Duchcov[77], von 1631 bis 1635 und 1639 bis 1640 in Prag und 1642 sowie von1643 bis 1651 Chomutov in Sicherheit gebracht. Aus Angst vor dem Schwedenkönig wurde es 1706 oder 1707[78] erneut für wenige Monate nach Prag gebracht. Während des Siebenjährigen Krieges fand das Bild 1756 in Chomutov und 1762 in Litomerice ein Zuflucht. Nach Litomerice wurde es auch währende des bayrischen Erbfolgekrieges 1779 gebracht.

III. Exkurs: Die Jesuiten in Tschechien und Mariaschein

III.a Mariaschein und Jesuiten[79]

Das Schicksal Mariascheins ist seit 1591untrennbar mit dem der böhmischen Jesuiten verknüpft. Nachdem bereits 1552 zwölf Böhmen der Gesellschaft Jesu beigetreten waren, zogen nach einem Besuch des deutschen Provinzials Petrus Canisus 1555 ein Jahr später die ersten Jesuiten in das ehemalige Dominikanerkloster bei der Kirche des heiligen Clement in Prag ein. 1587 schenkte  Georg Popel von Lobkowitz der Jüngere dem Jesuitenkollegium in Prag das Kloster und die Kirche Allerheiligen in Krupka. Sein Erbe in Mariaschein, Georg Popel von Lobkowitz der Ältere,  hatte bereits vor dem Tode seines Namensvetters 1589 den Jesuiten  ein Kollegium in seiner Herrschaft Chomutov errichtet. Von hier aus betreuten diese nach 1592 auch die Wallfahrtskirche in Mariaschein, die ihnen Georg Popel von Lobkowitz 1591 übertragen hatte.

1623 wurde eine eigene Tschechische Jesuitenprovinz errichtet, die bis zur Auflösung des Ordens 1773 bestand. Am 13. Oktober 1773 erreichte die Aufhebungskommision Mariaschein, wo sie 14 Patres und 6 Laienbrüder vorfand. Drei Patres und die Laienbrüder erhielten die Erlaubnis  weiter in der Residenz zu wohnen, die anderen mieteten sich im Dorf ein. Im Laufe der folgenden Jahre verließen einige Mariaschein, die meisten blieben jedoch und starben später auch dort. Ein großer Teil der Besitzungen wurde in dieser Zeit vom Staat verkauft. Dem ersten Rektor, dem Pädagogen Ferdinand Kindermann von Schulstein, dem 1779 die Verwaltung des Wallfahrtsortes übertragen wurde, gelang es als Mitglied der Aufhebungskommission „den Verkauf der Herrschaft Sobochleben[80] zu verhindern und den Besitz derselben für die Kirche zu sichern“. Er war es auch, der nach dem Verbot der Prozessionen  zu den Gnadenorten 1782 den Abriß der Gnadenkirche verhinderte. 1853 kehrten die 1814 wiederhergestellte Gesellschaft Jesu  nach Mariaschein als erstem Ort in Böhmen zurück. Der Ort war 1798 zu Probstei erhoben und 1845 beschloß man dort nach der Auflösung des Gymnasiums 1773 und einem zwischenzeitlichen Lehrerbildungsinstitut erneut ein „Knabenseminar“ einzurichten.  In diesem Zusammenhang kehrten die Jesuiten auch 1853 zurück. 1928 wurde wieder eine Tschechoslowakische Provinz errichtet, die 1937 gemeinsam mit der polnischen Provinz und der slowakischen Vizeprovinz mit der Mission Nordrhodesiens, des heutigen Sambias, betraut. 1938, bevor Mariaschein mit dem Einmarsch der Deutschen der deutschen Provinz zugeordnet wurde, schloß man noch die Schule.

Nach dem zweiten Weltkrieg erhielten die Jesuiten ihre Häuser in Mariaschein für eine kurze Zeit zurück und die Schule wurde wiedereröffnet. 1949 nach dem kommunistischen Putsch von 1948 wurde die Wallfahrtskirche wie alle Kirchen konfisziert und die Priester zu staatlichen Angestellten gemacht. Im selben Jahr wurden auch zwei der kirchlichen Lehrer in Mariaschein in Schauprozessen zu Haftstrafen verurteilt. Eine traurige Berühmtheit erlangte Mariaschein jedoch nach der Operation „K“[81], der Eliminierung der religiösen Männerorden und –kongregationen in der Nacht vom 13. zum 14. April 1950. Damals wurden die Bibliotheken mißhandelt und geschlossen, alle Maschinen, Schreibmaschinen, Autos und Motorräder der Geistlichen und Laienbrüder ebenso wie frische Sachen und Unterwäsche beschlagnahmt, religiöse Schriften und besonders Unterrichtsmaterialien vernichtet und die Ordensangehörigen in Internierungslagern gefangen gesetzt. Mariaschein wurde das Internierungslager für die tschechischen Jesuiten. 199[82] Jesuiten und insgesamt wohl 360 Ordensangehörige[83] waren damals in Mariaschein interniert unter ihnen Pater Cukr, der sich zuvor intensiv dem Wiederaufbau der Schule gewidmet hatte. Nachdem die minderjährigen Novizen entlassen worden waren und die älteren zum Militärdienst eingezogen worden waren, wurde das Internierungslager aufgelöst und die Patres in andere Lager überstellt. Das Lager in Kraliky bei Lanskroun blieb dabei bis zum 31. Dezember 1960 erhalten. Einige Patres starben in den Lagern, die meisten wurden jedoch bei verschiedenen Amnestien entlassen und mußten einige Jahre Hilfsarbeiten in der Industrie verrichte. Erst im Zuge des Prager Frühlings wurde einigen erlaubt, wieder als Priester zu arbeiten. So kehrte auch Pater Cukr 1968 zurück, der in den folgenden Jahrzehnten als Jesuitenpater die verbliebenen Gläubigen in der Umgebung und die Wallfahrtskirche betreute. Nachdem die katholische Kirche 1992 die Gebäude zurück erhalten hatte, konnte er sich 1993 über die Wiedereröffnung der Schule freuen, an der auch im Jahre 2000 mit 83 Jahren noch unterrichtete.

III.b Pater Cukr – Der letzte Jesuit von Mariaschein?[84]

Pater Cukr ist der vorerst letzte Jesuit in Mariaschein, denn als ich ihn im Sommer 2000 besuchte stand bereits fest, daß sein Nachfolger an der Wallfahrtskirche ein Weltpriester werden und er sich in Zukunft nur noch der Schule widmen wird. Ob mit ihm die Tradition wirklich abbrechen wird, wird die Zeit zeigen.

Pater Josef Cukr wurde 1917 im mährischen Uhersky Hradin geboren. Er besuchte zum Zeitpunkt ihrer Auflösung die Jesuitenschule in Mariaschein und ging nach deren Auflösung 1938 nach Teplice. Während des Krieges wurde er im KZ Terezin eingesperrt, arbeitete dort als Dolmetscher für die Deutschen und überlebte so den Krieg.

In diesen schwierigen Zeit muß er irgendwie auch sein Theologiestudium in Prag und Großbritannien absolviert haben, jedenfalls wurde er 1946 zum Priester geweiht und widmete sich der Organisation des bischöflichen Gymnasiums, das 1947 von Prag nach Mariaschein umzog. Das Gymnasium wurde nun seine Hauptaufgabe, besonders nachdem 1948 die religiöse Freiheit erneut eingeschränkt sowie die Wallfahrten nach Mariaschein erschwert und verboten wurden. Im Zuge der Operation „K“ wurde auch er interniert und „sein“ Gymnasium aufgelöst. Nach der Entlassung aus der Internierung teilte er das Schicksal vieler tschechischer Theologen, die mit Berufsverbot belegt waren, und arbeitete von 1960 bis 1968 als Lagerarbeiter. 1968 im Alter von 51 Jahren wurde er wieder Pfarrer in Mariaschein und organisierte in dieser Zeit der verbotenen Wallfahrten „touristische“ Reisen an den Wallfahrtsort. Daneben hatte er seiner eigenen Aussage zu folge viel Zeit sich der Erhaltung seiner Kirche zu widmen, die zwar dem Staat gehörte, der aber nur an deren Verfall interessiert war. 1990, nach der „Samtenen Revolution“ waren zu seiner großen Freude wieder offiziell Wallfahrten möglich. Bis 1991 war er allerdings in der Betreuung von Mariaschein und Krupka allein auf sich gestellt, erst dann erhielt Krupka wieder einen eigenen Pfarrer und auch in Mariaschein dürfte mittlerweile Ablösung für ihn eingetroffen sein. Dennoch die Jahre der Einsamkeit dürften für ihn schwer zu ertragen gewesen sein.

Die größte Freude war für ihn nach 1990 die Rückgabe der Gebäude an die Kirche 1992 und vor allem Wiedereröffnung des bischöflichen Gymnasiums 1993, an dem er auch weiterhin unterrichten will und das die einzige Schule Tschechiens mit verpflichtendem Religionsunterricht ist. Daneben berichtete er mir vom Samen einer neuen tschechischen Wallfahrtstradition, dessen langsames Aufgehen er mit Freuden beobachte. Beim Abschied ermahnte er mich jedoch zur Geduld: „Die ersten Missionare haben auch 150 Jahre gebraucht, bis das Christentum hier richtig heimisch wurde und die hatten es nicht mit weniger Heiden zu tun als wir.“

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